StrahlenbiologieÜberblickWirkungen auf molekularer Ebene Wirkung auf Zellen, Organe und Gewebe Stochastische und nichtstochastische Auswirkungen Strahlengenetik ÜberblickBeim Auftreffen von ionisierender Strahlung auf einen Organismus kommt es in den Zellen zu physikalischen, chemischen und biologischen Effekten. Von Bedeutung sind jedoch nur die Wechselwirkungen, welche eine Ionisation oder Anregung hervorrufen.
Quelle: Radioaktivität und Strahlenschutz,
Informationkreis Kernenergie 1999 Wirkungen auf molekularer EbeneWirkung ionisierender Strahlung auf den Stoffwechsel der NukleinsäurenWirkung ionisierender Strahlen auf den Proteinstoffwechsel Wirkung ionisierender Strahlen auf den Kohlenhydrat- und Energiestoffwechsel Wirkung ionisierender Strahlen auf den Fettstoffwechsel Wirkung ionisierender Strahlen auf das Hormonsystem Wirkung ionisierender Strahlung auf den Stoffwechsel der NukleinsäurenDie Moleküle der Desoxyribonukleinsäure (DNA) werden als die entscheidende, kritische subzelluläre Struktur für die biologische Wirkung ionisierender Strahlen in der Zelle angesehen., da sie
Bei den Basen spricht man von komplementären Basenpaaren.
Die Sequenz der Basen des ersten Stranges bestimmt also die
Abfolge der Basen des zweiten Stranges. Die Basensequenz
selbst ist der Informationsträger für die Biosynthese der
Zellproteine. Jeweils drei Basen, ein sogenanntes Codon oder Triplet,
stellen eine Aminosäure dar.
Eine Gruppe von aufeinanderfolgenden Basen stellt ein Gen dar.
Entgegengesetzt kann man sagen, daß ein Gen ein begrenzter
Abschnitt der DNA mit einer betimmten, in Basen codierten
Information ist. In Folge von Strahlenwirkungen kann es zu
folgenden Veränderungen der DNA kommen:
Diese Schäden sind nicht irreparabel, da zum Beispiel eine Zelle verschiedene eigene Reparaturmechanismen beherrscht, um Schäden zu beheben. Dies geschieht zum Beispiel durch:
Wirkung ionisierender Strahlen auf den ProteinstoffwechselDer Proteinstoffwechsel wird dadurch gestört, daß die Fähigkeit eines Organismus nachläßt ein Eiweiß, einen Antikörper zum Beispiel, nach der Zufuhr des entsprechenden Antigens zu produzieren. Bei Bestrahlung werden aus dem Antigen keine Antikörper produziert, da die Induktion des Eiweiß gestört wird. Es kommt also in Folge der Induktionsstörung zu einer Schwächung des Immunsystems.Wirkung ionisierender Strahlen auf den Kohlenhydrat- und EnergiestoffwechselDer Energiehaushalt ist relativ strahlenresistent, da die Stoffwechselschritte durch die Hormone Insulin und Glucocorticoide gesteuert werden. Der Zitronensäurezyklus und die Atmungskette sind ebenfalls relativ strahlenresistent. Im Zitronensäurezyklus wird aus den Abbauprodukten des Kohlenhydrat- Eiweiß- und Fettstoffwechsel Wasserstoff H2 gewonnen und der Atmungskette zugeführt. In der Atmungskette wird in der Oxidation des H2 zu Wasser Energie gewonnen und in der oxydativen Phosphorylierung durch die Umwandlung von ADP (Adenosindiphosphat) in ATP (Adenintriphosphat) gespeichert. Bei Bestrahlung kann es allerdings in der Cristea mitochondralis (Einstülpung der Innenmembran in die Matrix der Mitochondrien) zu Veränderungen kommen. In Folge der Betrahlung kommt es zu sogenannten Entkopplungsvorgängen bei der oxidativen Phosphorylierung.Wirkung ionisierender Strahlen auf den FettstoffwechselDie in Fettsäuren enthaltenen Doppelbindungen werden durch die ionisierende Strahlung aufgespalten. Dadurch wird die Permeabilität (Durchlässigkeit) von Membranen gestört, da die Fettsäuren an deren Aufbau beteiligt sind. Es wird auch teilweise eine Erhöhung der Fettsäuresynthese beobachtet. Eine Spätwirkung der Strahlung ist dann eine "Verfettung der Organe".Wirkung ionisierender Strahlen auf das HormonsystemEs kommt aufgrund der Belastung durch die Strahlung nur in den Nebennierenrinden zu einer Stimmulation der Hormonproduktion, was als eine Anpassung auf das Streßgeschehen zu werten ist. Die Beeinflussung anderer Hormone, wie zum Beispiel Histamin und Adrenalin ist vermutlich eher auf den körpereigenen Regulationsmechanismus zurückzuführen, als auf die ionisierende Strahlung. Dies ist ein indirekter Effekt.Wirkung auf Zellen, Organe und GewebeÜbertragung von Energie auf biologisches GewebeWirkung ionisierender Strahlung auf die Zelle Wirkung ionisierender Strahlen auf Organe und Gewebe Übertragung von Energie auf biologisches GewebeBei der Übertragung von Energie auf biologisches Gewebe kommt nur der Anteil der Energie zur Wirkung, der von dem Gewebe aufgenommen wird. Hindurchtretende Strahlung ruft im Gewebe keine Störungen hervor. Ob und wieviel Energie das Gewebe aufnimmt, hängt von den Einflußfaktoren Gewebeart, Strahlenart, Bestrahlungszeit und Strahlungsenergie (Teilchengeschwindigkeit) ab. Die Schäden an biologischem Gewebe kommen durch Anregung von Elektronen (auf weiter außen liegenden Elektronenschalen) oder durch Ionisation (direkte Ionisation, indirekte Ionisation) zustande. Die Strahlenwirkung hängt von der Ionisationsdichte entlang des Weges im Gewebe ab. Man beachte in diesem Zusammenhang ebenfalls die strahlenbiologische Wirkungskette.Wirkung ionisierender Strahlung auf die ZelleStrahlenwirkungen auf den ZellkernStrahlenwirkungen auf das Zytoplasma Strahlenwirkung an der Membranstruktur Strahlenwirkungen an den Mitochondrien Strahlenwirkungen am Zentriol, dem Zentralkörperchen
Strahlenwirkungen auf den ZellkernStrahlenwirkungen auf den Zellkern führen zur Schädigung der DNA und somit zu Veränderungen der Chromosomen. Es kann ebenfalls die Kernmembran geschädigt werden, was zu Stoffwechselstörungen zwischen Kern und Zytoplasma führt.Strahlenwirkungen auf das ZytoplasmaIm Grundplasma werden Viskositätsveränderungen durch Eiweißdenaturierung beobachtet. Es kommt zur Bildung von Vakuolen, sogenannten „Röntgenbläschen“, im Grundplasma und zu Fettablagerungen in der Zelle.Strahlenwirkung an der MembranstrukturDie Veränderungen in diesem Zellbereich kommen durch eine Änderung der Permeabilität (Durchlässigkeit) zustande. In den Membranen kommt es zu einer Potentialänderung durch die Fettablagerungen. In der Folge kommt es in der Zelle zu schwerwiegenden Problemen bei den viel energieverbrauchenden Reparatursystemen der Zelle. Im allgemeinen können Zellorganellen mit defekten Membranen die Energielieferung nicht aufrecht erhalten, was zur Auflösung von Golgi-Apparat und Ergastoplasma führen kann.Strahlenwirkungen an den MitochondrienWie schon im Abschnitt Wirkung ionisierender Strahlen auf den Kohlenhydrat- und Energiestoffwechsel erwähnt, kommt es zum Verlust der Cristae mitochondriales, wodurch es zu Störungen der Atmungskette der Enzyme kommt. Im weiteren tritt an den Mitochondrien eine Vakuolisierung (Bläschenbildung) auf. Es kommt zur Fetteinlagerung und zum Zerfall der Mitochondrien.Strahlenwirkungen am Zentriol, dem ZentralkörperchenDas Zentriol wird in Folge von Bestrahlung in der mitotischen Teilung gestört. Es kommt zu Störungen in Form von vervielfachten Chromosomensätzen bei weiteren Zellteilungen, da bei der Zellteilung die Spindelausbildung gestört wird.Wirkung ionisierender Strahlen auf Organe und GewebeDer WichtungsfaktorDer Qualitätsfaktor Strahlenwirkungen auf das Bindegewebe und das Skelett Schäden im Herzkreislauf-System Auswirkungen auf die Haut Hautanhangsgebilde Verdauungstrakt Respirationstrakt Urogenitalsystem Endokrine Organe und Nervensystem Sinnesorgane Lymphatisches System und Knochenmark Alle Organe des menschlichen Körpers bestehen aus unterschiedlichen Zellarten, bei denen die Zellteilungsgeschwindigkeit, Lebensdauer, auch Zellzyklusdauer und Reperaturvermögen sowie Repopulationsvermögen unterschiedlich sind. Deshalb reagieren verschiedenartige Zellen auf Strahlenbelastung unterschiedlich.
Der WichtungsfaktorDie einzelnen Organe und Gewebearten werden bei der externen und internen Bestrahlung des menschlichen Organismus unterschiedlich belastet. Da die Organe außerdem eine unterschiedliche Strahlenempfindlichkeit aufweisen, kommt es zu unterschiedlichen Beiträgen (Organ bzw. Teilkörperdosen) zum strahlenbedingten Gesamtrisiko. Aus diesen Gründen wurden Wichtungsfaktoren für Organe und Gewebe von der ICRP vorgeschlagen, die in der Tabelle aufgelistet werden. Die ICRP (International Organisation On Radiation Protection – Internationale Strahlenschutzkomission) ermittelt die potentielle Gefährdung, die von ionisierender Strahlung ausgeht und gibt Richtlinien für die Obergrenze der zulässigen Strahlenbelastung heraus.
Bei der Bestrahlung wird die Äquivalentdosis H mit dem für das Organ entsprechenden Wichtungsfaktor multipliziert. Das Produkt ist die effektive Äquivalentdosis He.
Der Wichtungsfaktor ist dimensionslos. Beispielrechnung:
Bei einer Ganzkörperbetrahlung
durch Ra-226 mit 0,3 mSv würde sich das das gleiche
Schadensrisiko ergeben. Der QualitätsfaktorUm die unterschiedliche biologischen Wirkungen der verschiedenen Strahlenarten zu berücksichtigen sind Qualitätsfaktoren Q festgelegt worden. Es sind vielschichtige Erfahrungswerte, die in der folgenden Tabelle aufgeführt werden.
Um die eigentlich wirksame Dosis zu erhalten, wird der Qualitätsfaktor Q mit der Energiedosis D multipliziert. Das Produkt ist die Äquivalentdosis H.
Der Qualitätsfaktor Q ist dimensionslos. Strahlenwirkungen auf das Bindegewebe und das SkelettBindegewebeVeränderungen des Bindegewebes durch ionisierende Strahlung beruhen auf der Schädigung der Blutgefäße. Diese Schädigung verläuft in folgenden Schritten
Knochen Schäden im Herzkreislauf-SystemIm Herzkreislauf-System (kardiovaskuläres System) kann es in Folge von ionisierenden Strahlen zu Schäden am Herzen, den arteriellen Gefäßen und Venen- und Lymphgefäßen kommen.Herz Arterielle Gefäße
Während das Lymphsystem relativ strahlenunempfindlich zu sein scheint und erst durch die Einwirkung sehr hoher Strahlendosen verödet wird, kommt es bei den Venen zu Degenerationen der Gefäßwände. Es läßt sich sagen, daß viele strahleninduzierte Erkrankungen von Organen auf Schäden an Gefäßen zurückzuführen sind. Auswirkungen auf die HautDie Haut gehört zu den Organen, an denen die Strahlenwirkungen am besten untersucht worden sind. Die Schäden stehen in engem Zusammenhang mit der Schädigung von Gefäßen. Die Schäden lassen sich in folgenden zeitlichen Ablauf einteilen:
Wie schon erwähnt liegt die Hauptursache für Frühschäden in
der Störung der Blutversorgung. Erst während des Mittel- und
Späterythems treten Veränderungen in Folge von
Zellteilungsstörungen, Ödemen (Ansammlung wäßriger
Flüssigkeit in den Gewebsspalten) in der Haut und Zelltod auf.
HautanhangsgebildeBei Talgdrüsen kann es in Folge von Strahlung zum Versiegen des entsprechenden Drüsensekrets kommen. Die Haut wird trocken. Man spricht auch von der Röntgenhaut, wie sie bei Strahlenpatienten oder auch in den Anfängen der Anwendung, ionisierender Strahlen in der Medizin, bei den nicht ausreichend strahlengeschützten Ärzten auftrat. Bei Haarfolikeln wurden in der Strahlenmedizin bei einer Dosis von 4 Gy temporärer Haarausfall beobachtet, der nach ca. 10 Tagen einsetzt. Bei der vierfachen Dosis kommt es zu bleibendem Haarausfall. An den Schweißdrüsen kann es bei hohen Strahlendosen zum Versiegen der Schweißproduktion kommen, was die Hauttrockenheit verstärkt.VerdauungstraktMundhöhleIn Folge von ionisierender Strahlung kommt es in der Schleimhaut, die etwas empfindlicher ist als die äußere Haut, zur sogenannten Mucositis enoralis (Entzündungen der Schleimhaut) und Auflagerung von weißlichen Plaques. In Tierversuchen wurden Tiere im Mund Rachenraum mit sehr hohen Dosen bestrahlt. Daraufhin verweigerten sie die Nahrungsaufnahme in Folge der Entzündungen im Bestrahlungsbereich. Die Verweigerung der Nahrungsaufnahme kann zum Tode führen. Speicheldrüsen Magen Darm
Quelle: Klinische Strahlenbiologie, VEB
Gustav Fischer Verlag Jena 1990
Leber RespirationstraktObere AnteileDie Reaktion von Nase, Nasennebenhöhlen und Traches verhalten sich ähnlich wie die Zellen der Mundhöhle. Etwas unempfindlicher sind Bereiche, die mit flimmernden Epithelien ausgekleidet sind. Lunge
UrogenitalsystemNiereEs können zwei Arten von Schäden unterschieden werden:
Nierenbecken und ableitende Harnwege Harnblase Endokrine Organe und NervensystemEndokrine OrganeDie endokrinen Organe gelten als strahlenresistent. Die erhöhte Hormonausschüttung, die bei Strahlenbelastung beobachtet wird, wird folgendermaßen erklärt:
Nervensystem SinnesorganeAugeDie Sensibilität des Auges ist (abgesehen von der Linse) mit der der Haut vergleichbar. Die Linse ist der empfindlichste Teil des Auges, es kommt in Folge ionisierender Strahlung zu degenerativen (grobvakulären) Veränderungen des Linsenepithels zu einer Linsentrübung. Die Linse des Auges kann nur in sehr geringem Maße repariert werden und kumuliert Strahleneinwirkungen über lange Zeit. Lymphatisches System und KnochenmarkLymphozytenZu den strahlensensibelsten Zellen des menschlichen Körpers gehören die Lymphozyten, die schon nach relativ kleinen Strahlendosen absterben. Milz Lymphknoten Stochastische und nichtstochastische AuswirkungenStochastische WirkungenNichtstochastische Wirkungen Akute Strahlenkrankheit Stochastische (zufällige) WirkungenUntersuchungenBei stochastischen Strahlenwirkungen nimmt die Wahrscheinlichkeit eines Strahlenschadens annähernd proportional mit der Strahlendosis zu. Eine Schwellendosis, unterhalb derer kein Effekt eintritt, wird nicht angenommen. Schon sehr kleine Strahlendosen können eine Veränderung der Erbstruktur einer Zelle bewirken. Daher werden in der Fachwelt die stochastischen Strahlenwirkungen im Bereich kleiner Dosen kontrovers diskutiert.
Stochastische Strahlenschäden bewirken zum Beispiel
Mutationen an DNA-Strukturen von Keimzellen und somatischen
Zellen. Maligne Tumore werden als Folge stochastischer
Strahlenschäden angesehen. UntersuchungenNach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki 1945 wurde damit begonnen die Strahlenwirkungen auf lebende Individuen intensiv zu untersuchen. Aufgrund der hohen Anzahl der Betroffenen und des langen zurückligenden Zeitraumes stellen die beobachteten stochastischen Wirkungen ein sehr wichtiges Forschungsergebnis dar. Aus diesen Erkenntnissen resultieren z.B. auch Grenzwerte der StrlSchV. Die Dosimetrie wurde mehrfach neu bewertet. In der Fachwelt arbeitet man an vergleichenden Studien der Strahlenwirkungen in Hiroshima und Tschernobyl.Zunahme des Risikos maligner Tumore:
Nichtstochastische ( nicht zufällige) WirkungenDie nichtstochastische Strahlenwirkung ist durch einen charakteristischen Zusammenhang zwischen Strahlendosis und Schwere der Strahlenfolge charakterisiert. Dieser Zusammenhang gilt erst oberhalb einer – individuell variierender – Schwellendosis.Die Energie, die mit der Strahlung übertragen wird, ruft
Kompensationsmechanismen (Reparatur,Repopulationen) der
betroffenen Zellpopulationen hervor. Der Strahleneinfluß ist
unterhalb einer Toleranzdosis kompensierbar. Oberhalb dieser
Toleranzdosis treten strahlenbedingte Folgen auf, deren
Schwere sich mit zunehmender Dosis erhöht. Akute StrahlenkrankheitDifferenzierungsmöglichkeitenUnter dem Gesichtspunkt der klinischen Symptomatik Unter dem Gesichtspunkt der Überlebenszeit in Dosisabhängikeit Strahlenwirkungen im unteren Dosisbereich Darstellung des zeitlichen Ablaufs der akuten Strahlenkrankheit Behandlung der akuten Strahlenkrankheit Unter der akuten Strahlenkrankheit versteht man entweder eine durch einen Unfall eingetretene einmalige Ganzkörperbestrahlung oder eine ausgiebige Teilkörperbestrahlung. Da die Organe und Zellsysteme des Menschen unterschiedliche Empfindlichkeiten aufweisen, treten also bei der gleichen Strahlendosis völlig unterschiedliche Schädigungen auf. Diese sind wiederum abhängig von Faktoren wie Dosisleistung, Dosishöhe, und LET. Weiterhin muß unterschieden werden zwischen den akuten Erkrankungsformen, welche unmittelbar in Verbindung mit der Exposition stehen und den chronischen Formen, den sogenannten Spätfolgen. Mittels Tierversuchen versuchte man, neue Erkenntnisse zur
Behandlung der akuten Strahlenkrankheit zu gewinnen, stellte
jedoch schnell fest, daß diese nur sehr bedingt auf den
Menschen übertragbar sind, da sich die mittelletalen Dosen (
50 prozentige Sterblichkeitsrate innerhalb von 30 Tagen) stark
unterscheiden.
DifferenzierungsmöglichkeitenDie Vielfältigkeit von Erscheinungen bei der akuten Strahlenkrankheit erfordern eine Gruppenbildung (beispielsweise unter den folgenden Gesichtspunkten):Unter dem Gesichtspunkt der klinischen Symptomatik1. Strahlendosis 1 bis 10 Gray (Gy)Im Bereich von 1 bis 10 Gray beobachtet man Veränderungen
im Blutbild aufgrund der Knochenmarksbestrahlung, sowie auch
Stoffwechselveränderungen. Man spricht hier auch von
"Hämatologischer Form". Besonders empfindlich reagieren die Lymphozyten
mit einer Absenkung auf die Exposition.
Diese Absenkung steht in direktem Zusammenhang mit der
Strahlendosis und gibt somit direkt Aufschluß über das Ausmaß
der Strahlenkrankheit.
Die Reaktion der Granulozyten ist als Streßreaktion aufzufassen und steht nicht in einem direkten Zusammenhang mit der Strahlendosis. Sie reagieren zunächst mit einem Anstieg, jedoch kommt es nach ungefähr zehn Tagen zu einer anhaltenden Absenkung. Als weitere Spätreaktion erfolgt eine Absenkung der Thrombozyten (Blutplättchen) nach etwa 8 bis 20 Tagen. Die längste Überlebenszeit haben die Erythrozyten weshalb sie als Indikatoren nur bedingt geeignet sind. 2. Strahlendosis 10 bis 50 Gray (Gy) Im Dosisbereich von 10 bis 50 Gray endet die Strahlenkrankheit immer letal. Die Ursache liegt im Verlust des Epithels der Darmwand, was zu toxikologischen Wirkungen durch die Darmbakterien führt. Es kommt dadurch zu starken Elektrolyt- und Eiweisverlusten in Form von Durchfällen. Durch den gestörten Abwehrmechanismus wird der Darm sogar von eigenen Verdauungsbestandteilen angegriffen. Der Tod erfolgt dann schließlich im hypovolämischen Schock. In diesem Dosisbereich spricht man auch von intestinaler Form. 3. Strahlendosis 50 bis 100 Gray (Gy) Im Dosisbereich von 50 bis 100 Gray treten die selben Erscheinungen wie im Bereich von 10 bis 15 Gray, jedoch in verstärkter Form, auf. Der letale Ausgang liegt auch hier in der Selbstvergiftung des Körpers durch Einschwemmung toxischer Bestandteile welchen dann zum totalen Kreislaufversagen führen. Deshalb spricht man hier auch von toxischer Form. 4. Strahlendosis > 100 Gray In diesem Dosisbereich tritt der Tod oft schon nach wenigen
Minuten als Folge der Schädigung von Gehirn und Nervensystem
ein. Man spricht hier auch von einer cerebralen Form.
Unter dem Gesichtspunkt der Überlebenszeit in Dosisabhängikeit
Strahlenwirkungen im unteren Dosisbereich
Darstellung des zeitlichen Ablaufs der akuten StrahlenkrankheitIm 1. Stadium, der sogenannten Primärperiode treten Anzeichen von Störungen des vegetativen Nervensystems auf. Dies äußert sich in Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen und Erschöpfungszuständen. Die Primärperiode ist dosisabhängig. Im 2. Stadium, der Latenzperiode, welche üblicherweise 2 Wochen beträgt, fühlt sich der Exponierte zunächst wohl, es treten jedoch schon erste Anzeichen einer Blutbildveränderung auf. Auch diese Periode ist dosisabhängig. Im 3. Stadium, welche auch Gipfelperiode genannt wird, treten die selben Erscheinungen wie bei der Primärperiode auf und erreichen nun ihr volles Ausmaß in Form von bakteriellen Infektionen, Durchfällen sowie Geschwürbildungen in Mundhöhle und Magen-Darm-Trakt. Im 4. Stadium verstärken sich die Symptome der
Gipfelperiode nochmals. War die Strahlendosis letal erfolgt
nun die prämortale Phase, war sie hingegen subletal erfolgt
nun die in den meisten Fällen langwierige, oft Jahre dauernde
Genesungsperiode. Sie kann jedoch auch in eine chronische
Strahlenkrankheit übergehen, welche beispielsweise
gekennzeichnet wird durch Auftreten von Leukämien und
Karzinomen oder genetischen Schäden. Behandlung der akuten StrahlenkrankheitAls erster Schritt muß zunächst eine Dekontamination
bzw. eine Dekorporation
durch Fachmediziner erfolgen. Danach kann die Behandlung der
hämatologischen Schädigungen beginnen, beispielsweise in Form
von Substitutionstherapien wie, Bluttransfusionen oder
Knochenmarkstransplantationen. Ebenfalls in Frage kommen
Stimulationstherapien, d.h. Verabreichung von Vitaminen, die
die Blutregeneration anregen. Im nächsten Schritt wird
begonnen, die erlittenen Flüssigkeits- und Elektrolyverluste
auszugleichen. In einem weiteren Schritt beginnt man die
entstandene Hautschäden zu behandeln. Diese werden überwiegend
nach der Dekontimination klassisch mit Salben, Puder, etc.
versorgt. Weiterhin ist oftmals eine Begleittherapie mit
Antibiotika zur Infektvermeidung notwendig. Auch eine
psychische Betreuung des Strahlenkranken ist überaus wichtig.
StrahlengenetikVeränderungenMutationen Chromosomenaberrationen Einwirkung ionisierender
Strahlen auf Vererbung und Fortpflanzung
VeränderungenBei der Betrachtung von bestrahlten Zellen im Lichtmikroskop, lassen sich folgende Veränderungen feststellen:
MutationenJe nach Art der Zellen, in denen die Mutationen auftreten, unterscheidet man:
ChromosomenaberrationenUnter einer Chromosomenaberration versteht man eine Abweichung entweder von der normalen Chromosomenzahl (Genommutation), beim Menschen 46, oder von der Struktur (Chromosomenmutation). Im ersten Fall bezeichnet man derartige Aberrationen als numerische Chromosomenaberrationen. Im zweiten Fall spricht man von strukturellen Chromosomenaberrationen. Betreffen die Veränderungen einzelne Erbanlagen, spricht man von Punktmutationen (Genmutation). Man unterscheidet zwischen:Numerische ChromosomenaberrationenNumerische Chromosomenaberrationen entstehen während der Keimzellenbildung, durch eine fehlerhafte Meiose bei der Geschlechtszellbildung. Der Chromosomensatz liegt in den Körperzellen doppelt (diploid = 2 n), in den Keimzellen einfach (haploid = 1 n) vor. Die Reduktion der Chromosomensätze bei den Keimzellen entstand im Verlauf der Entwicklung sexuell fortpflanzender Lebewesen. Bei der Fortpflanzung verschmelzen die männliche und die weibliche Keimzelle miteinander zu der Zygote. Die Reduktionsteilung verhindert, daß der Chromosomensatz nach der Verschmelzung der beiden Keimzellen doppelt vorliegt. Als Meiose bezeichnet man einen aus zwei Kernteilungschritten bestehenden Vorgang.In der nachfolgenden Abbildung kommt es bei der ersten Teilung zu einer Reduktion der Zahl der Chromosomensätze auf die Hälfte (auf 1 n). Der Fehler tritt bei der Reduktion der Chromosomensätze, von der Urkeimzelle in die Keimzellen auf. Diese Phase wird auch als Prophase 1 bezeichnet. In der Prophase 1 kann es vorkommen, daß ein homologes Chromosomenpaar miteinander verklebt ist, und nicht voneinander getrennt wird. Man spricht dann von Nondisjunction. Es entsteht eine Keimzelle, mit einem überschüssigen Chromosom, und eine Keimzelle, der ein Chromosom fehlt. Kommt es zu einer Verschmelzung mit einer normalen Keimzelle, so spricht man im ersten Fall von Monosomie (ein Chromosom liegt einfach vor), und im zweiten Fall von Trisomie (ein Chromosom liegt dreifach vor). Auf die zweite Kernteilungsphase wird im Kapitel "Einführung in die Molekulargenetik" eingegangen.
Kurze Erklärung der Begriffe:
Beispiele für numerische Chromsomenaberrationen:
Strukturelle ChromosomenaberrationenStrukturelle Chromosomenaberrationen kommen durch einen Einzel- oder Doppelstrangbruch der Chromosomen zustande, der z.B. durch ionisierende Strahlung ausgelöst wurde. Zu den strukturellen Chromosomenaberrationen gehören Deletion und Translokation. Unter Deletion versteht man den Verlust eines Chromosomenstückes in der Mitte eines Chromosoms. Unter Defizienz versteht man speziell den Stückverlust an einem Chromosomenende. Unter Inversion versteht man die Umkehr eines bestimmten Chromosomenabschnitts im Chromosom. Unter Translokation versteht man den Austausch von Chromosomenabschnitten im gleichen Chromosom (intrachange) oder zwischen verschiedenen Chromosomen (interchange). Bei der Duplikation kommt es zu einer Verdoppelung von bestimmten Chromosomenabschnitten.
Das bekannteste Beispiel für eine Chromosomenaberration beim Menschen ist das Katzenschreisyndrom. In den Körperzellen fehlt ein Stück des Chromosom Nr.5. Die Erstgeborenen wimmern, wie verlassene junge Katzen und bleiben in der Entwicklung zurück.Das Katzenschreisyndrom gehört zu den häufigeren angeborenen Krankheitsbildern. Es kommt einmal unter 50 000 bis 100 000 Neugeborenen vor. Beispiel für eine Deletion am Chromosom Nr. 5: Beispiel für den Austausch von Chromosomenabschnitten im gleichen Chromosom:
Beispiel für den Austausch von Chromosomenabschnitten zwischen verschiedenen Chromosomen:
Translokationen kennt man beispielsweise aus der Pflanzengenetik. Die Übertragung von Chromosomenabschnitten eines Chromosoms auf ein anderes ist z.B. bei Mais nachgewiesen worden. Versucht man Chromosomenmutationen genauer zu verstehen,
dann kann man am einfachsten die Defizienzen erklären. Sie
entstehen durch einen simplen Chromosomenbruch. Die anderen
Chromosomenmutationen kann man durch einen Bruch und eine sich
daran anschließende Verwachsung erklären. Ausführliche
Informationen zu diesem Thema finden sich im Kapitel "Einführung in die
Molekulargenetik". Dort wird auch beschrieben wie durch Reparaturmechanismen
der Zelle diese Schäden zum Teil behoben werden können.
|